Eine Idee zur Mitgestaltung

Begegnet ist mir dieses Buch über eine Empfehlung meines mittlerweile verstorbenen Freundes Walter Bösch.
Er legte mir nahe, dieses Buch zu lesen. 
Zugegeben, dieses Werk von Erich Fromm ist keine leichte Kost, doch empfehle ich es jedem.
Es ist in meinen Augen eines der wichtigsten Werke unserer Zeit.
Als ich im letzten Drittel dieses Buches den folgenden Abschnitt gelesen habe, bekam ich die Antwort auf meine Frage, wie man aktiv zu einer positiveren Entwicklung unserer Gesellschaft beitragen kann:

Um eine am Sein orientierte Gesellschaft aufzubauen, müssen alle ihre Mitglieder sowohl ihre ökonomischen als auch ihre politischen Funktionen aktiv wahrnehmen. Das heißt, dass wir uns von der Existenzweise des Habens nur befreien können, wenn es gelingt, die industrielle und politische Mitbestimmungsdemokratie (participatory demogracy) voll zu verwirklichen.

Diese Überzeugung wird von den meisten radikalen Humanisten vertreten.

Industrielle Demokratie bedeutet, dass jeder Angehörige einer großen industriellen oder sonstigen Organisation eine aktive Rolle im Leben dieser Organisation spielt; dass er umfassend informiert ist und am Ende am Entscheidungsprozess teilnimmt. Dies beginnt auf der Ebene des eigenen Arbeitsplatzes und der Gesundheits- und Sicherheitsmaßnahmen (es wird in einigen schwedischen und amerikanischen Unternehmen bereits erfolgreich praktiziert) und bezieht nach und nach auch die höheren Entscheidungsebenen mit ein, auf denen die allgemeine Unternehmenspolitik bestimmt wird. Wichtig ist, dass Arbeiter und Angestellte sich selbst vertreten und nicht durch Gewerkschaftsvertreter von außerhalb des Unternehmens in den einzelnen Mitbestimmungsgremien repräsentiert werden…

…Eine echte politische Demokratie kann in der Tat als Gesellschaftsform definiert werden, in der das Leben genau das ist – interessant. Im Gegensatz zu den „Volksdemokratien“ oder „zentralistischen Demokratien“ ist eine solche Mitbestimmungsdemokratie unbürokratisch und schafft ein Klima, in dem Demagogen kaum gedeihen. …

…Idee: Die Bildung von Hunderttausenden von Nachbarschaftsgruppen (mit je ca. 500 Mitgliedern), die sich selbst als permanente Beratungs- und Entscheidungsgremien konstituieren und über Grundsatzfragen aus den Gebieten der Wirtschaft, Außenpolitik, des Gesundheits- und Bildungswesens und den Erfordernissen für das Wohl-Sein entscheiden. Diese Gruppen sind mit allen relevanten Informationen zu versorgen; sie beraten über diese Informationen ohne Einflussnahme von außen und stimmen über die jeweiligen Sachfragen ab (beim heutigen Stand der Technik könnten alle abgegebenen Stimmen in einem Tag gezählt sein). Die Gesamtheit dieser Gruppen würde das „Unterhaus“ bilden, dessen Beschlüsse zusammen mit denen anderer politischer Organe entscheidenden Einfluss auf die Gesetzgebung hätten.

„Wozu diese aufwendigen Pläne“, wird sich mancher fragen, „wenn die Ansichten der Bevölkerung in ebenso kurzer Zeit durch Meinungsumfragen ermittelt werden können?“ Dieser Einwand berührt einen der problematischsten Aspekte dieser Form von Meinungsäußerung. Was sind denn die „Meinungen“, auf denen die Umfragen basieren, anderes als die Ansichten von Menschen, denen es an ausreichender Information und an Gelegenheit zu kritischer Reflexion und Diskussion fehlt? Außerdem wissen die Befragten, dass ihre Meinungen nicht zählen und somit ohne Auswirkungen bleiben. …
Erich Fromm stellt diesen Teilnehmern von Meinungsumfragen die Geschworenen in einem Gericht gegenüber, welche eine Entscheidung anhand aller vorliegenden Informationen und aus einer tiefen Diskussion heraus treffen. Wohlwissend dass sie über Glück oder Schicksal des Angeklagten entscheiden.

…In mancher Hinsicht werden politische Wahlen unter noch ungünstigeren Umständen durchgeführt als Meinungsumfragen, da die semihypnotischen Wahlkampftechniken das Denkvermögen beeinträchtigen. Die Wahlen werden zu einem spannungsträchtigen Melodrama, bei dem es um die Hoffnungen und Ambitionen der Kandidaten, nicht um Sachfragen geht. Die Wähler können an dem Drama mitwirken, indem sie dem von ihnen favorisierten Bewerber ihre Stimme geben. Wenn auch eine großer Teil der Bevölkerung auf diese Geste verzichtet, ist doch die Mehrheit von diesem römischen Spektakel fasziniert, bei dem Politiker statt Gladiatoren in der Arena kämpfen. Um zu echten Überzeugungen zu kommen, bedarf es zweier Voraussetzungen: adäquate Informationen und das Bewusstsein, dass die eigene Entscheidung wirkmächtig ist. 

…die persönlichen Entscheidungen der Menschen sind meist viel klüger als deren politischen. …

Erich Fromm – Haben oder Sein – Ausgabe vom Dezember 1979

Ich lade herzlich dazu ein, mit mir ins Gespräch zu kommen um eventuell noch besser verstehen oder hinterfragen zu können, was ich in diesen Zeilen sehe und inwiefern es mein Handeln inspiriert.